Mittwoch 16. August 2017
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Vom Beruf zur Berufung

im Zickzack durch Studium, Jobs und Zukunftspläne

 

Als Kind wollte ich Notärztin werden. Heute kommt mir diese Vorstellung absolut absurd vor. Wenn ich das meinen Freunden und Freundinnen erzähle, ist die erste Reaktion meist ein Lachen. Was, du? Ärztin? Das passt doch gar nicht zu dir. Und das stimmt auch. Denn unsere Vorstellungen von der eigenen Berufung ändern sich im Laufe des Lebens. Mehrmals und oft um 180 Grad.

 

Nur wenige Menschen wissen schon im Volksschulalter, was sie einmal werden wollen, und noch weniger ziehen es durch bis zum ersten Job oder gar bis in die Pension. Zumindest heutzutage nicht mehr, und in der Generation unserer Eltern oft auch nur, weil es üblich war, ein Leben lang bei derselben Firma zu bleiben. Ein guter Freund – er ist heute 31 Jahre alt – ist so ein Ausnahmefall. Seit der Pubertät hat er sich mit Informatik beschäftigt. Zuerst in einer HTL, dann in Bachelor, Master, PhD. Alles abgeschlossen, super erfolgreich. Seine Einstellung: optimistisch und ohne Zukunftsangst. Straight forward. Heute forscht er im Ausland, hält Vorträge auf Konferenzen und ja, ist ganz in seinem Metier.

 

Es gibt ihn übrigens wirklich. Ich habe ihn nicht für diesen Beitrag erfunden, obwohl sein Lebenslauf zumindest für mich stellenweise genauso klingt: wie eine gute Geschichte, die man sich erzählt, um sich Mut zu machen. Aber mal ehrlich. Würde sein Leben verfilmt werden, niemand würde sich diesen Film anschauen. Denn Menschen mit Ecken und Kanten, mit Schicksalsschlägen, Selbstzweifeln und 180-Grad-Kehrtwenden, das sind die wahren Helden. Jene, die auch nach den schlimmsten Fehltritten wieder aufstehen und trotzdem weitermachen. Charaktere, die eine Entwicklung durchleben und zu „anderen“ Menschen werden.

 

“Dort wo die Menschen ganz sie selbst sind, dort sind ihre schwachen Stellen.” (Arno Geiger, Selbstporträt mit Flusspferd)

 

Immer mehr Unternehmen denken übrigens genauso. Beim letzten Online-Karrieretag in Wien wurde Quereinsteigern von den diskutierenden HR-Experten ein äußerst positives Zeugnis ausgestellt. Sie seien eher bereit, sich zusätzliche Skills anzueignen und sich weiterzuentwickeln. Sie bringen verschiedenste Vorerfahrungen mit. Sie sollen gleichzeitig um die Ecke denken und über den Tellerrand schauen können, also mit besonders innovativen und kreativen Ideen punkten. Außerdem haben sie meist eine klare Vorstellung davon, was sie wollen. Oder eben nicht wollen. Und gerade in der heutigen Zeit werden Menschen mit Zickzack-Lebensläufen immer häufiger. Wie soll man sich auch entscheiden, bei den Hunderttausenden von Möglichkeiten, die jeder von uns hat.

 

Viel schwieriger, als etwas Altes aufzugeben, ist es jedoch, eine Alternative zu finden. Ein neuer Job bedeutet Veränderung. Neue Kollegen, neue Aufgaben, vielleicht ein weiterer Anfahrtsweg oder gar ein Wohnortwechsel. Eine Weiterbildung kostet Geld und Zeit und bringt höchstwahrscheinlich Einbußen im derzeitigen Job mit sich. Man kann eine Führungsposition vielleicht nicht weiter besetzen oder muss einen geringeren Gehalt auf sich nehmen. Ähnliches gilt in den meisten anderen Lebensbereichen, wenn ein größerer Wandel ansteht. Allerdings kann man mindestens ebenso viel durch Veränderung gewinnen. Ganz besonders dann, wenn man mit der aktuellen Situation unzufrieden ist.

 

“All we have to decide is what to do with the time that is given to us.” (Gandalf, Der Herr der Ringe)

 

Das Internet ist für die meisten von uns die erste Wissensquelle, die wir auf der Suche nach Alternativen konsultieren. Es bietet eine Menge an ungefilterter Information, die erst recht für Chaos sorgt. Außerdem tausende Tests, die versprechen, die wahren und innersten Interessen zu enthüllen. All das verwirrt meist mehr, als es nutzt – vor allem, wenn jemand noch gar nicht weiß, wohin die Reise gehen soll. Ich persönlich mag – zumindest als ersten Schritt in der Berufsorientierungsphase – das Ikigai-Prinzip. Übersetzt aus dem Japanischen bedeutet es „das, wofür es sich zu leben lohnt“. Es stellt die vier wichtigsten Bereiche dar, nach denen eine (Berufs)Wahl getroffen werden sollte: Interessen, Fähigkeiten, Sinn hinter der Tätigkeit und Situation am Arbeitsmarkt. Dort, wo sich diese vier Bereich überschneiden, liegt das persönliche Ikigai.

 

Gerade im Laufe unserer Karriere können sich die Inhalte dieser Bereiche ändern. Das Ikigai richtet sich dementsprechend nach den Prioritäten, die man im jeweiligen Lebensabschnitt hat. Es ist auch hilfreich, wenn man schon mitten in Studium oder Beruf drin ist. Besonders aber in Entscheidungsphasen. Die Vorgehensweise, kurz zusammengefasst: Zunächst listet man Interessen und Fähigkeiten auf. Auch jene, die auf den ersten Blick nicht für den Beruf relevant erscheinen, sondern einfach, was einem Spaß macht oder was man gut kann. Dazu gehören auch total banale Dinge wie Sonnenliegen, mit dem Hund spazieren gehen oder ein Instrument spielen. Man kann sich auch fragen, was man als Kind gern gemacht hat oder das Gegenteil, was man überhaupt nicht gerne macht. Wichtig dabei ist, sich seine Hobbies nicht nur oberflächlich anzuschauen, sondern etwas tiefer zu graben. Wenn jemand gerne den Hund ausführt, dann könnte das heißen, dass er Tiere gerne mag. Aber auch, dass er gerne an der frischen Luft ist oder sich gerne um andere (und nicht nur Tiere) kümmert. Ähnlich geht man bei den Fähigkeiten vor.

 

Danach vergleicht man die beiden Listen und sucht Anknüpfungspunkte, die man dann mit zum Beispiel Aufgabenbeschreibungen in Stellenanzeigen vergleichen kann. Am besten macht man das übrigens nicht nur mit Berufen, die schon im Blickfeld sind, sondern auch mit ganz anderen Berufen. Außerdem ist wichtig, die Anforderungen des Berufs zu kennen. Etwa, ob man viel auf Reisen ist oder den ganzen Tag in Meetings verbringt. Derzeit boomen übrigens Videos, in denen Menschen über ihre Jobs erzählen. Auch diese kann man sich anschauen und mit den eigenen Erwartungen vergleichen. Sie geben meist einen authentischeren Einblick in ein Berufsbild als viele Berufsberatungsseiten.

 

Im vierten Schritt checkt man die Relevanz am Arbeitsmarkt. Der WAFF – Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungs-Fonds – empfiehlt hier, einfach mal auf den gängigen Karriereportalen nach ausgeschriebenen Stellen zu suchen. Sind viele ausgeschrieben? Dann perfekt. Wenn nicht, sollte man sich eventuell darauf einstellen, dass die Jobsuche etwas schwieriger wird. Naheliegend ist auch, mit Freunden zu reden oder direkt in Firmen nachzufragen, wie gefragt ein Berufsbild ist.

 

“Chaos isn’t a pit. Chaos is a ladder.” (Petyr Baelish, Game of Thrones)

 

Bei mir jedenfalls wurde aus Medizin dann Gentechnik, nachdem ich bei einem Schnuppertag im Krankenhaus zweimal fast umgekippt wäre. Ich kann nämlich – wie ich seitdem weiß – kein Blut sehen. Aus der Gentechnik wurden dann Kulturwissenschaften und Germanistik. Dazwischen standen Entscheidungen, die ich zum jeweiligen Zeitpunkt mit bestem Wissen und Gewissen getroffen habe. Könnte ich nochmal etwas ändern, würde ich mir im Nachhinein raten, nicht so verbissen zu sein. Stattdessen würde ich mir zugestehen, etwas Begonnenes auch mal sein zu lassen und nicht auf Biegen und Brechen durchzudrücken. Denn wenn etwas weder Spaß macht, noch einen näher an seine beruflichen Ziele bringt, dann hat es keine Zukunft.

 

Der Autor Chris Guillebeau bricht Entscheidungsprozesse auf zwei einfache Fragen herunter, die ich mir im Zweifelsfall stelle.

 

1. Is it working?

2. Do you still like it?

 

Ist die Antwort auf beide Fragen „Ja“, dann nicht aufgeben. Bei zweimal „Nein“, sollte man es sein lassen. Wenn jeweils ein Ja und ein Nein sich gegenüberstehen, sollte man genau überlegen, welche Antwort auf welche Frage man ändern will.

 

“Zu viele Musikstücke hören erst viel zu lange nach ihrem Ende auf.” (Igor Strawinsky)

 

Wenn das alles nichts hilft und ich mir immer noch unsicher bin, werfe ich eine Münze. Kein Witz. Diese Methode funktioniert am besten, wenn man schon viel zu lange über eine Entscheidung nachgedacht hat, quasi viel zu verkopft an die Sache rangeht und sich zettelweise Für-und-Wider-Listen erstellt hat. Der Trick am Münzenwerfen ist, dass sich unmittelbar, nachdem die Münze zum Liegen kommt und das Ergebnis feststeht, ein Gefühl einstellt. Vielleicht nur für eine Sekunde. Aber genau in dieser Sekunde trickst man den Kopf aus – und das Bauchgefühl kommt durch.

 

Mittlerweile bin ich 30 – und wieder auf die Uni zurückgekehrt. Diesmal in die Technik. Berufsbegleitend und unter viel schwereren Umständen als damals, als mir meine Eltern das WG-Zimmer bezahlt haben und der Staat die Studiengebühren. Und auch diesmal bezweifle ich, dass ich meine Berufung fürs restliche Leben gefunden habe. Aber hey, wenn nicht, mache ich eben in fünf Jahren wieder etwas anderes. Oder ziehe in ein anderes Land. Oder gründe meine eigene Firma. Und jedes Mal wird es neu und spannend sein – und sich wie Berufung anfühlen.

 

Was ich damit sagen will? Die eine einzige Berufung gibt es für die wenigsten Menschen. Ebenso wie den einen einzigen Partner, den man ein Leben lang liebt. Und das ist völlig okay so. Ich suche nicht länger nach meiner Berufung – sondern gehe der Leidenschaft nach, die mich im Moment glücklich macht. Und wenn sich das ändern sollte, probiere ich was Neues.

 


 

 

Gastbeitrag von Judith Massar

 

Judith Massar hat Germanistik und Kulturwissenschaften studiert und ist heute Content Editorin bei whatchado. Von Karrieretipps über Berufsorientierung schreibt sie über alles, was ihr in die Finger kommt. Dieser Beitrag aus ihrer Feder erschien zuerst in der März-Ausgabe von RISE - unserem Karrieremagazin für Studierende & Young Professionals.

 

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